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Regiochemie von Zweitsubstitutionen an Aromaten |
Im Gegensatz zu Benzol sind in einem
substituierten Aromaten nicht alle C-Atome äquivalent. Man bezeichnet sie mit ipso, ortho, meta und para.

Bei einer aromatischen Substitution eines
bereits substituierten Aromaten, einer Zweitsubstitution, können daher
verschiedene σ-Komplexe gebildet werden, die zu ipso-,
ortho-, meta- und para-Substitutionsprodukten
führen.

Dabei unterscheidet sich
zunächst die ipso-Substitution von der ortho-,
meta- und para-Substitution, da das austretende Teilchen unterschiedlich ist.
ipso-Substitution wird nur dann gefunden, wenn X+ recht stabil ist
wie beispielsweise ein stabilisiertes Carbokation, ein R3Si+-Ion
oder ein Metallion.

Bei den drei weiteren Reaktionen, der ortho-,
meta-, und para-Substitution, wird jeweils ein Wasserstoffatom durch das
Elektrophil ersetzt. Welcher der drei σ-Komplexe bevorzugt gebildet wird, hängt
von der Natur des Substituenten X ab. Bei einem Angriff in ortho- oder para-Position
gibt es Resonanzstrukturen, bei denen das X-substituierte C-Atom eine positive
Ladung trägt.

Elektronenschiebende Substituenten können
diese positive Ladung kompensieren, hier gezeigt für einen +M-Substituenten in
para-Stellung:

Daher beobachtet man für
alle elektronenschiebenden Substituenten X bevorzugt ortho- und
para-Substitution, da die entsprechenden σ-Komplexe stabilisiert werden.
Man sagt auch: X dirigiert einen zweiten Substituenten in ortho- oder
para-Position.
Durch elektronenziehende
Substituenten wird die Elektronendichte im Ring verringert und dadurch der
Angriff eines Elektrophils erschwert. Zusätzlich wird die kationische
Zwischenstufe destabilisiert. Man beobachtet eine Substitution daher nur mit
reaktiven Elektrophilen. Vergleicht man die Grenzformel der verschiedenen σ-Komplexe
beispielsweise für die Nitrierung eines Trialkylammonium-substituierten
Aromaten, so gibt es nur bei einem meta-Angriff
keine Grenzformel, in denen die beiden positiven Ladungen benachbart sind. Auch
die Nitrierung von Anilin führt zu meta-Substitution,
da in stark saurer Nitriersäure (HNO3/H2SO4)
das Anilin protoniert vorliegt und aus dem +M--Substituenten NH2
der –I-Substituent NH3+ wird. Substituenten mit einem
–I- und –M-Effekt führen also zu meta-Substitution.
Substituenten
X haben daher zwei Einflüsse auf Aromaten. Sie verändern die Elektronendichte
des Ausgangsmaterials und damit die Reaktivität und sie bestimmen über die
Stabilität der σ-Komplexe die Regiochemie. Dass diese Einflüsse nicht
immer parallel laufen, zeigt die elektrophile Substitution von halogenierten
Aromaten. Die Halogenatome desaktivieren den Aromaten durch ihre
Elektronegativität (-I-Effekt). Chlorbenzol wird langsamer angegriffen als
Benzol. Für die Regiochemie der Substitution von Halogenbenzolen ist aber der
+M-Effekt der Halogenatomen verantwortlich. Chlor und Brom dirigieren in die ortho-
und para-Position.
Auch
die Regiochemie von polycyclischen Aromaten lässt sich verstehen, wenn man die
Stabilität der σ-Komplexe betrachtet. Im Naphthalin kann die positive
Ladung über beide Ringe verteilt werden. Allerding kommt den
Resonanzstrukturen, bei denen das aromatische System des zweiten Ringes nicht
berührt wird, eine größere Bedeutung zu. Bei einem α-Angriff können
zwei Grenzformeln gezeichnet werden, bei denen das Elektronensextett des zweiten
Rings nicht angetastet wird. Im Naphthalin wird daher bevorzugt –Substitution
beobachtet.


Die Regiochemie (ortho/para
oder meta, α oder β) der elektrophilen aromatischen
Mehrfach-Substitution wird also im wesentlichen durch elektronische Faktoren
bestimmt. Aber auch sterische Faktoren spielen eine Rolle. Je größer das
Elektrophil und je größer der Erstsubstituent X ist, desto größer werden die
absoßenden Wechselwirkungen zwischen X und dem Elektrophil. Dieses führt zu
einer Verlangsamung eines Angriffs in ortho-Stellung
und beeinflusst daher das ortho/para-Verhältnis.
So kann beispielsweise tert-Butylbenzol mit hoher Selektivität in para-Stellung
bromiert werden. Ähnliche Argumente müssen bei der Substitution von
kondensierten Aromaten diskutiert werden. Je größer ein Elektrophil ist, desto
stärker werden die abstoßenden Wechselwirkungen mit dem Wasserstoffatom in peri-Stellung.

Durch elektrophile
aromatische Substitution können H-Atome am aromatischen Ring, den man auch Kern
nennt, durch Halogenatome substituiert werden. Welche Halogenierung bevorzugt
abläuft, hängt von den Reaktionsbedingungen ab, die für die Kernhalogenierung
ionisch, für die Seitenkettenhalogenierung radikalisch sind. Zwei Merkregeln
beschrieben die Reaktionsbedingungen und die Regioselektivität:
-
SSS: Sonne, Siedehitze,
Seitenkette (radikalische Reaktionsbedingungen)
-
KKK: Kälte, Katalysator, Kern
(ionische Reaktionsbedingungen)

Thermodynamische Kontrolle
Bei der ipso-Stellung haben wir zwei Reaktionen kennengelernt, die
reversibel verlaufen können (Friedel-Crafts-Alkylierung und Sulfonierung).
Neben der kinetischen Kontrolle der Regiochemie, die ja durch die
unterschiedliche Stabilisierung der σ-Komplexe erfolgt, kann das
Regioisomerenverhältnis der reversiblen Reaktionen auch durch die Stabilität
der Produkte thermodynamisch kontrolliert werden. So bildet sich thermodynamisch
kontrolliert bei de Methylierung von Benzol oder Toluol Mesitylen, obwohl
Mathylsubstituenten bevorzugt ortho/para dirigieren. Auch die Bildung der β-Naphthalinsulfonsäure
erfolgt unter thermodynamischer Kontrolle. In beiden Fällen ist das Molekül
mit den geringsten sterischen Wechselwirkungen das stabilste ( keine ortho- oder
peri-Abstoßung).

Wegen der Reversibilität und der
Mehrfachalkylierung führt die Friedel-Crafts-Alkylierung daher zu anderen
Substitutionsmustern als die Friedel-Crafts-Acylierung. Da sich durch Reduktion
Ketone in Alkene überführen lassen, kann man mit Hilfe der
Friedel-Crafts-Acylierung auch Alkylaromaten synthetisieren. Die Synthese verläuft
zwar zweistufig, dafür entstehen aber keine Neben- oder Folgeprodukte durch
Reversibilität oder Mehrfachalkylierung. Synthetisch wichtig ist die
Friedel-Crafts-Alkylierung vor allem in folgenden Fällen: wenn das erschöpfend
alkylierte, thermodynamisch stabilste Substitutionsprodukt hergestellt werden
soll, man im Aromaten als Lösungsmittel arbeiten kann oder Polycyclen durch
Cyclysierung aufgebaut werden sollen.
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